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Reden allein hat noch nie gereicht

 

Weil es darauf ankommt: Seit 60 Jahren ist das Missions- und Bildungswerk NEUES LEBEN zu den Menschen unterwegs. Im Gepäck: Die „Frohe Botschaft“ von Jesus Christus. Doch wie kommt sie an in Zeiten, in denen die Kirchen immer leerer und die spirituelle Konkurrenz immer größer wird? Darüber haben wir uns mit Wilfried und Peter Schulte, dem Direktor und dem Vorstandsvorsitzenden von NEUES LEBEN und Herausgebern dieses Magazins, unterhalten. Wie Evangelisation heute gelingen kann und warum sie sich sicher sind, dass der christliche Glaube auch in Deutschland Zukunft hat, lesen Sie in folgendem Interview.

NEUES LEBEN: Betrachtet man das Ergebnis der aktuellen Mitgliederumfrage der Evangelischen Kirche in Deutschland, könnte man titeln: „Spiritualität ist in, Kirche out“. Angebote von Engelseminaren bis zum Buddhismus-Workshop boomen, während den etablierten Kirchen immer mehr Menschen den Rücken zukehren. Woran liegt’s?

Wilfried Schulte: Das hat vielfältige Gründe. Zum einen mischen sich in unserer postmodernen und multi-kulturellen Gesellschaft natürlich einfach alle möglichen Glaubensüberzeugungen und Religionen. Auf diesem Markt der Möglichkeiten wird der christliche Glaube von immer mehr Menschen eben nur noch als ein Sinnangebot von vielen wahrgenommen. Der christliche Anspruch, dass es nur einen Gott und nur eine Wahrheit gibt, wird von vielen als anmaßend empfunden. Da jedoch die meisten Menschen trotzdem nicht ohne irgendeine Form von Glauben auskommen, baut man sich oft einfach seine persönliche Patchwork-Religion zusammen, nach dem Motto: „Wahr ist, was mir guttut und für mich funktioniert.“ Zum anderen sind aber auch die Kirchen zumindest mitverantwortlich für diese Entwicklung. Denn ganz offensichtlich scheint es ihnen immer weniger zu gelingen, ihr Anliegen und ihre Überzeugungen ansprechend zu kommunizieren.

NEUES LEBEN: Macht euch diese gesellschaftliche Entwicklung Sorgen?

Wilfried Schulte: Da ich ein unverbesserlicher Optimist bin, spornt sie mich eher an! In der Bibel heißt es im Buch des Predigers, Gott habe dem Menschen „die Ewigkeit ins Herz gelegt“. Das erklärt die anhaltende Suche des Menschen nach dem Sinn und der Bestimmung seines Lebens – unabhängig davon, wo er zunächst danach suchen mag. Dieses ungebrochene Interesse der Menschen an Glaubensdingen darf Christen Mut machen. Denn es bedeutet, dass es auch für die biblische Botschaft grundsätzlich offene Türen gibt. Entscheidend ist nur, dass wir die richtige Sprache und Form finden, die einmalige Botschaft von Jesus Christus in diese Offenheit hineinzutragen. Meiner Meinung nach haben wir in den letzten Jahrzehnten vor allem eins versäumt: Wir haben nicht klar genug gesagt, wer der Gott, der sich uns in Jesus Christus vorstellt, eigentlich ist, und welches unglaublich wunderbare Angebot er jedem Menschen macht. Gottesvorstellungen gibt es genug in der Welt. Hier müssen wir mutiger kommunizieren, warum wir glauben, dass der christliche Gott der allein wahre Gott ist und warum in ihm die Antwort auf all unsere Sehnsüchte zu finden ist.

Peter Schulte: Wir haben tatsächlich keinen Grund, deprimiert zu sein. Vielmehr sollten wir uns mutig der Herausforderung stellen. Und vielleicht hilft uns dabei, uns daran zu erinnern, dass sich das Christentum in Europa heute in einer ähnlichen Situation befindet wie in seinen Anfängen. Ähnlich wie wir heute, sahen sich auch die ersten Christen im römischen Reich mit einer multi-kulturellen und multi-religiösen Gesellschaft konfrontiert. Auch sie waren nur eine Stimme unter vielen. Und doch wuchs das Christentum innerhalb kurzer Zeit zu einer großen Bewegung heran. Darum muss Kirche sich heute fragen: Was hat die Christen damals ausgezeichnet? Was haben sie eigentlich geglaubt, wie haben sie diesen Glauben weitergetragen und was hat ihre Botschaft für ihre Umwelt so anziehend gemacht? Zu diesen Grundlagen muss Kirche zurückkehren, wenn sie Menschen gewinnen will.

NEUES LEBEN: Anton Schulte, euer Vater und Gründer von NEUES LEBEN, sagte vor einigen Jahren einmal: „Ich leide an Deutschland, weil es auf der einen Seite so unwissend und auf der anderen Seite so falsch informiert ist über das wirkliche Christentum.“ Warum herrscht im Land der Reformation eigentlich so viel Verwirrung?

Peter Schulte: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die geistliche Misere unseres Landes zum großen Teil auf eine Theologie zurückzuführen ist, die der Bibel nicht mehr als dem Wort Gottes vertraut. Darum taugen viele Kanzeln nicht mehr als Orte der Orientierung. Dazu kommt, dass Christen es häufig nicht schaffen, deutlich zu machen, wie relevant der Glaube für den Alltag ist und wie positiv die Hoffnung auf das ewige Leben auch die Lebensperspektive im Hier und Jetzt prägt. Dennoch bin ich zuversichtlich, denn besondere Situationen haben die Christen seit Beginn der Kirchengeschichte schon immer herausgefordert. Denn in jeder Krise liegt die große Chance, dass die Kirchen sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.

Wilfried Schulte: Jeder, der etwas in einen Markt hinein kommunizieren will, kennt die Alleinstellungsmerkmale seines „Produkts“. Hier habe ich den Eindruck, dass selbst viele Verantwortliche in den Kirchen gar nicht mehr wissen, wofür das Christentum überhaupt steht. Man will Glauben für alle passend machen, will nicht herausfordern und schon gar nicht anecken. Doch genau aus diesem Grund weiß fast kein Mensch mehr, worum es überhaupt geht, und wer Gott und wer Jesus Christus ist. Darum müssen wir wieder ganz klar sagen, dass der Glaube in seinem Kern vor allem Beziehung ist: Glaube, wie die Bibel ihn versteht, bedeutet, dem Gott zu vertrauen, der sich in Jesus Christus gezeigt hat und der uns liebt. Wo immer dieses Vertrauen in Worten und Werten sichtbar wird, werden Menschen neugierig.

NEUES LEBEN: Als Missions- und Bildungswerk ist es NEUES LEBEN seit 60 Jahren ein Anliegen, als Partner der christlichen Kirchen und Gemeinden die Botschaft von Jesus Christus zeitgemäß in die Gesellschaft hineinzutragen. Worauf kommt es dabei an? Reden allein reicht ja wohl kaum ...

Wilfried Schulte: Christen müssen Jesus erleben, sie müssen von seiner Liebe erfasst sein. Das ist der Schlüssel. Nur seine Liebe macht uns sprachfähig, nur sie findet einen Weg zum Nächsten, nur sie macht unser Handeln glaubhaft. Wer hingegen lediglich gebetsmühlenartig Dogmen proklamiert, so richtig und wichtig sie sind, holt keinen Menschen mehr hinter dem Ofen hervor!

Peter Schulte: Reden allein hat in 2000 Jahren Kirchengeschichte noch nie gereicht! Die Verkündigung des Evangeliums muss den ganzen Menschen adressieren, sie muss Geist, Seele und Leib im Blick haben. Das heißt, wir dürfen uns nicht allein darauf beschränken, Menschen zu sagen, dass Gott sie liebt und ihnen Vergebung anbietet, sondern wir müssen aus dem Evangelium heraus auch auf ihre sozialen und geistigen Bedürfnisse antworten. Unser Vater Anton Schulte hat das bereits vor vielen Jahren einmal so formuliert: „Entscheidend ist, dass die frohe Botschaft von der Liebe Gottes in alle Bereiche und Lebensräume der Menschen hineingetragen wird, damit der einzelne Mensch angesprochen wird, zum Glauben findet und dadurch die von Gott zugesagte Umwandlung und Umgestaltung seines Lebens erfährt.“

NEUES LEBEN: Und das tut NEUES LEBEN wie?

Wilfried Schulte: Unsere Welt ist vielschichtiger geworden und wer Menschen mit dem Evangelium erreichen will, muss sich auch mit modernen Lebensräumen und den unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus intensiv auseinandersetzen. Darum freuen wir uns ganz besonders, dass unser „Theologisches Seminar Rheinland“ zusammen mit dem christlichen Stadtnetzwerk „Gemeinsam für Berlin“ Anfang dieses Jahres die Arbeitsgemeinschaft „Berliner Institut für Urbane Transformation“ (BIT) auf den Weg gebracht hat. Aber diese Überlegungen fließen auch in die anderen Arbeitsbereiche von NEUES LEBEN ein. Ob nun unser Verkündiger-Team unterwegs ist, um Kirchen und Gemeinden in ihren evangelistischen Bemühungen zu unterstützen, oder ob wir darüber nachdenken, wie wir das Evangelium am besten über die verschiedenen Medien weitertragen. Ob es darum geht, welche Ansätze wir mit unseren sozial-diakonischen Projekten wie dem „breakout“ in Berlin und dem „much more“ in Österreich verfolgen, oder um die Frage, welche Themen wir im Bereich unserer Freizeit- und Ferienarbeit aufgreifen.

NEUES LEBEN: Liegt hier der Schlüssel zum Erfolg: zu wissen, was Menschen bewegt?

Wilfried Schulte: Das ist sicher ein ganz wichtiger Schlüssel. Doch bei allen Fragen hinsichtlich passender Formen und Konzepte, hängt der „Erfolg“ evangelistischer Bemühungen nicht allein daran. Viel entscheidender ist zunächst die Antwort auf die Frage: Sehen und lieben wir die Menschen, wie Gott es tut, und lassen wir uns darum von ihm senden?

Peter Schulte: Sich Gedanken um Themen oder auch zeitgemäße Formen zu machen ist wichtig, damit der Inhalt auch ankommt. Das Wichtigste aber ist und war es von jeher, zu den Menschen zu gehen. Wir müssen den Menschen nahe sein – und dabei Glauben glaubhaft vorleben, nachvollziehbar und echt.

NEUES LEBEN: In welchen Bereichen könnt ihr mit der Botschaft des Evangeliums denn bei Menschen heute anknüpfen?

Wilfried Schulte: Ich beobachte vor allem, dass Viele sich in ganz bestimmten Lebensbereichen nach Antworten sehnen. Das betrifft zum Beispiel das ganze Feld zwischenmenschlicher Beziehungen und ihrer Spannungsfelder. Dazu kommen fehlende Lebensziele, Selbstwertkrisen sowie die Angst vor einer unsicheren Zukunft. Auf den ersten Blick scheint der Glaube für Viele kein Thema mehr zu sein. Und doch erleben wir immer wieder, dass sich hinter all diesen Lebensfragen nicht zuletzt immer auch die Frage nach Gott verbirgt.

Peter Schulte: In meiner Seelsorgearbeit erlebe ich, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens und damit verknüpft auch die Frage nach der eigenen Bedeutung bei Vielen ganz aktuell im Raum steht. Ganz wichtig ist für Viele auch das Thema „Vergebung“, denn jeder Mensch erfährt Verletzungen und wird auch selbst immer wieder an anderen schuldig. Gerade diese seelsorgerlichen Fragen schenken viele Anknüpfungspunkte, um Menschen mit Gott bekannt zu machen. Denn bei ihm finden wir nicht nur Hilfe für dieses Leben, sondern er selbst ist die Antwort auf unser tiefstes Sehnen.


NEUES LEBEN: „Evangelium“ heißt ja wörtlich „Frohe Botschaft“. Nun spricht die Bibel aber auch von Dingen wie persönlicher Sünde und Umkehr. Das sind für viele Menschen erst einmal keine so guten Nachrichten.

Peter Schulte: Nicht wir bestimmen die Inhalte des Evangeliums und auch nicht irgendwelche Modetrends, sondern Gott. Darum brauchen wir diesbezüglich unbedingte Treue gegenüber den Aussagen der Bibel, des Wortes Gottes. Und das heißt, wir müssen die „Botschaft vom Kreuz“ klar verkünden, auch wenn manche sich an ihr reiben oder sie für Unsinn halten. Das haben die Menschen übrigens auch schon zur Zeit von Paulus getan, wie er es im ersten Kapitel seines 1. Korintherbriefes in Vers 18 schreibt.

Wilfried Schulte: Wenn es um so wichtige Fragen wie die nach Gott geht, müssen Menschen die Wahrheit wissen, und die lautet: Wir sind als Gottes Ebenbilder geschaffen, von ihm geliebt und zur Gemeinschaft mit ihm berufen. Aber wir sind durch unsere Sünde eben auch gefallene Geschöpfe und die Gemeinschaft mit Gott ist unterbrochen. Darum müssen wir Menschen liebevoll, aber auch klar sagen, dass jeder, der zu Gott kommen will, zuerst umkehren und die Vergebung annehmen muss, die er jedem in Jesus Christus anbietet. Für diese wunderbare Botschaft sollten wir uns nicht schämen, „denn das Evangelium ist die Kraft Gottes, die jedem, der glaubt, Rettung bringt“. Auch das ist ein Wort von Paulus.

NEUES LEBEN: Für nicht wenige waren Begriffe wie Evangelisation oder auch Bekehrung lange Zeit aber eher „Bäh-Wörter“ aus der evangelikalen Ecke, wie es ein großes evangelisches Magazin kürzlich formulierte. Hat sich das verändert?

Wilfried Schulte: Ja, definitiv. Es gibt viele Entwicklungen, die ich als Mut machend für unsere evangelistische Arbeit erlebe. Evangelisation ist längst kein rein evangelikales Thema mehr. Auch die beiden großen Volkskirchen haben es in den letzten Jahren ganz neu in den Fokus genommen. So rief zum Beispiel schon Papst Johannes Paul II. vor rund dreißig Jahren zu einer „Neuevangelisierung“ Europas auf. Und auch in der evangelischen Kirche hat es einen Perspektivwechsel gegeben. So trägt zum Beispiel das Greifswalder „Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung“ sehr viele evangelistische Impulse in die Kirchengemeinden hinein. Und auch immer mehr Pfarrerinnen und Pfarrern ist mittlerweile bewusst, dass eine Kirche, die überleben will, auch missionarisch tätig sein muss.

NEUES LEBEN: „Überleben“ ist ein gutes Stichwort. Darum zum Schluss zwei Sätze, die ihr ergänzen dürft. Wilfried, der christliche Glaube hat in Deutschland Zukunft, weil ...

Wilfried Schulte: ... weil Jesus Christus lebt, weil er die Menschen liebt und ihnen auch heute noch begegnet. Und weil er versprochen hat, seine Gemeinde zu bauen und nicht untergehen zu lassen, bis er wiederkommt.

NEUES LEBEN: Und Peter: Der christliche Glaube hat in Deutschland Zukunft, wenn ...

Peter Schulte: ... wenn Christen sich ohne Kompromisse Gott zur Verfügung stellen.

NEUES LEBEN: Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

 

 

Wilfried Schulte ist Direktor des NEUES LEBEN e. V.
Peter Schulte ist Vorstandsmitglied bei NEUES LEBEN e. V. und Seelsorger.

Das Interview führte Sabine Müller für das Magazin NEUES LEBEN.

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