Mit Sicherheit

 

Sicherheitsgurt, Versicherung, Sicherungskopie – kaum etwas wird in Deutschland so hoch bewertet wie die Sicherheit. Das drückt sich nicht nur in den vielfältigen Sicherheitsaspekten unseres Lebens, sondern auch durch unsere Lebensweise aus: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung und begründbares Handeln sind wichtige Voraussetzungen für die Wahrung des Sicherheitsgefühls.

Und genau dieses Sicherheitsgefühl wird derzeit zum Beispiel durch die massive Zuwanderung von Flüchtlingen erschüttert. Mit jedem Zeitungsbericht, der von Überforderung der zuständigen Behörden spricht, mit jeder Doku über Gewalt in Flüchtlingsheimen verstärkt sich das Gefühl der Unsicherheit.


Aus diesem Grund tobt eine ängstliche öffentliche Debatte darüber, wie viele Flüchtlinge Deutschland verträgt beziehungsweise zu wie viel selbstloser Hilfe Deutschland moralisch verpflichtet ist. Denn so ein Massenexodus führt augenscheinlich zu einer großen Belastung der Aufnahmeländer. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention (die auf den Menschenrechten basiert) ist jedoch jedes der 147 Unterzeichnerländer – also auch Deutschland – aufgerufen, Flüchtlingen Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und Sozialleistungen zu verschaffen. Und genau aus diesem Grund suchen diese Menschen bei uns Zuflucht: in Deutschland gelten die Menschenrechte als verbindlich und werden konsequent umgesetzt.

Wieso aber akzeptieren eigentlich so viele Länder weltweit die Menschenrechte als Maßstab? Viele Kulturen sind so grundsätzlich anders als die der westlichen Industrieländer, haben eine andere Geschichte, beheimaten andere Religionen und bewerten Ereignisse und Werte unterschiedlich. Doch bei den Menschenrechten scheinen sich alle einig zu sein. Woher kommt das?

Die einen sagen: Die Natur ist das Vorbild für die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen sollten. Dieses sogenannte Naturrecht wurde früher vor allem von Befürwortern der Evolutionstheorie angeführt. Doch gerade das Verhalten in der Natur zeigt ein völlig anderes Bild. In der Natur gilt das Recht des Stärkeren. Im Gegensatz dazu schützen die Menschenrechte eben gerade Minderheiten und Schwache.

Andere wollen die Menschenrechte vom Menschen herleiten. Als Ausgangspunkt wird dabei der Wille der Mehrheit genommen. Die Masse entscheidet. Aber manche Menschenrechte sind gerade nicht zum Vorteil der Mehrheit. So legt etwa das Recht auf Meinungsfreiheit fest, dass jede Meinung geäußert werden darf – auch wenn sie nicht der Ansicht der Mehrheit entspricht. Und ebenso, wie durch einen Hauptteil der Bevölkerung ein Menschenrecht eingeführt werden kann, so könnte es auch von ihr wieder abgeschafft werden. Die Menschenrechte würden der Willkür der Mehrheit unterliegen.

Wenn also weder die Natur noch die Menschheit als Quelle für so allgemeingültige Werte wie die der Menschenrechte gelten können, muss die Quelle außerirdisch sein. Sie muss außerhalb des Menschen und jenseits aller Nützlichkeitserwägungen liegen. Die weltweit geläufigste Bezeichnung für eine solche Quelle ist: Gott. „Entweder existiert Gott oder er existiert nicht. Aber wenn er nicht existiert, dann kann nichts und niemand seinen Platz einnehmen“, sagte Arthur Leff, Professor an der Yale Universität über die Entstehung von Moral und bezog sich damit auf das Zitat von Friedrich Nietzsche: „Wenn Gott tot ist, ist jede Moral der Liebe und Menschenrechte ohne Grundlage.“

Wenn es eine international gültige und dem Menschen innewohnende Moral gibt, deren Quelle nicht die Natur oder der Mensch sein kann, was bedeutet dieses Wissen für unseren Umgang mit den Flüchtlingen, die uns um Hilfe ersuchen?

Daniel Janzen ist Designer und Illustrator bei NEUES LEBEN und engagiert sich privat in sozialpolitischen Fragen für Familien und ihre Rechte.

 

Bild: Daniel Janzen

 

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