Theologie leicht gemacht - kann sich Theologie leicht machen?

Mit der Theologie kann man es mitunter ganz schön schwer haben – und das fängt schon bei der Begriffserklärung an. „Theologie“ ist nämlich ein Fremdwort und heißt übersetzt „die Lehre von Gott“. Gemeint ist mit diesem Begriff allerdings weitaus mehr als die reine Gotteslehre. Theologie umfasst die gesamte christliche Lehre, die auf der Bibel als der Quelle der Wahrheit beruht. So kann man es sich also schwer machen, indem man den Fachbegriff „Theologie“ wählt oder leichter, wenn man den deutschen Begriff „christliche Lehre“ verwendet.

 

Das Problem liegt allerdings tiefer, nämlich in dem Spannungsfeld zwischen Theologie als Wissenschaft und Gemeindetheologie. Die theologische Wissenschaft ist eine umfassende Wissenschaft, die viele wissenschaftliche Disziplinen streift. Nennen wir einige Beispiele wie Geschichtswissenschaft – denken wir nur an 2000 Jahre Kirchengeschichte! – oder Psychologie, weil es um Menschen geht. Da werden die alten Sprachen Griechisch und Hebräisch gelehrt und gelernt, um die Bibel im Original studieren zu können. Und wir brauchen diese Wissenschaft, die hilft, den christlichen Glauben immer wieder neu zu durchdenken und zu begründen. Allerdings entsteht der Eindruck, dass Theologie überhaupt nur etwas für Profis ist und in einem Elfenbeinturm betrieben wird. Das mag für manche Wissenschaft zutreffen. Aber Theologie hat eine ganz wichtige Bedeutung für die Gemeinde und damit auch für das Glaubensleben des Christen.

Theologie ist mehr als eine Wissenschaft – sie ist auch eine 2000 Jahre alte christliche Tradition. Und sie hat letztlich ihren Ursprung in der Bibel selbst, nämlich in der biblischen Lehre. Die Apostel lehrten (Apg. 2,42; Kol. 1,28), in den Gemeinden gab es Lehrer (Apg. 13,1
Eph. 4,11) und in den Gemeindeversammlungen sollte darum auch gelehrt werden (1. Kor. 14,6.26). In dieser Gemeindelehre hat die Theologie ihren wesensmäßigen Ursprung. Darum muss sie auch wieder in die Gemeinde zurückführen. Außerdem hat sie die Aufgabe, die Gemeinde zu bauen (1. Kor. 14,26: „Alles soll zum Aufbau/zur Erbauung [der Christen; der Gemeinde] geschehen“).

Gemeinde braucht Theologie und Theologie braucht Gemeinde


Auch die Gemeinde ist auf Theologie angewiesen. Sie muss falsche Lehren abweisen. Eine Gemeindeleitung braucht eine Vorstellung davon, was Gemeinde ist und wozu Gott die Gemeinde berufen hat. Und dazu ist biblische Lehre nötig, eben Theologie. Aber auch umgekehrt ist Gemeinde für die Theologie grundlegend. Denn Theologie ohne Gemeinde verirrt sich, wird verkopft, bleibt ohne Frucht. Deshalb brauchen Theologen die Anbindung an Gemeinde. Gemeinde und Theologie – beide halten einander in der Spur dem Meister nach.

Die Theologie hat ganz praktische Bedeutung für die Gemeinde, deshalb muss sie klar vermittelt werden und für alle Christen verständlich sein – ja sogar für Kinder! Theologie leicht gemacht? Unbedingt. Jede Predigt am Sonntag ist angewandte Theologie oder sollte es zumindest sein. Sie muss verständlich und in diesem Sinne leicht sein, sonst rauscht sie über die Köpfe der Christen hinweg. Selbst der Kindergottesdienst vermittelt Lehre, also Theologie für Kinder, und die muss für die Kleinen so dargeboten werden, dass sie sie aufnehmen können.

Theologie nimmt die Bibel, ja Gott selbst zum Maßstab. Gott hat sich selbst mitgeteilt, und er ist uns dabei sehr weit entgegengekommen. Er spricht in menschlicher Sprache, mit verständlichen Bildern, damit wir ihm begegnen können. Und in der Zeitenwende kam er tief zu uns hinab. Nichts anderes bedeutet die Menschwerdung des Sohnes Gottes (die „Inkarnation“, wie wir Theologen sagen), die wir zu Weihnachten feiern. Es ist die große Herablassung Gottes. Alles das tat er, damit wir ihm begegnen können. Darum ist die Theologie verpflichtet, eine Sprache zu suchen und zu finden, die die Menschen dann auch verstehen. Wir brauchen also einerseits Theologie als Wissenschaft, als theologische Forschung, weil die Wissenschaft von heute die Gemeinde von morgen bestimmen wird. Und da sollten Evangelikale das Feld nicht einfach preisgeben. Wir benötigen aber auch dringend mehr gesunde Theologie in der Gemeinde, damit Gemeinde nicht verwildert oder in Gesetzlichkeit entartet. Deshalb hat die Theologie auch die Pflicht, leicht zu werden.

Theologisches Basiswissen


Jeder Christ sollte zunächst mit einem Basiswissen biblischer Lehre vertraut werden, denn ohne ein gewisses Mindestmaß an Glaubenswahrheiten kann man gar nicht glauben. Wer ist Gott? Wie kann ich zu ihm kommen? Wer ist Jesus? Was hat er für mich getan? Wie sollte ich glauben können, ohne das zu wissen? Auch eine gute Bibelkenntnis und damit persönliches Bibellesen sollte gefördert werden. Insbesondere für Mitarbeiter ist Theologie  unverzichtbar, damit die Menschen in der Gemeinde in der Wahrheit Gottes angeleitet werden können.

Welche Bedeutung hat nun die Theologie für die Gemeinde, und wie viel Theologie braucht ein Christ? Braucht ein Christ überhaupt Theologie, oder gehört Theologie in den Ordner „Unnützes Wissen“? Manche Christen denken so – trotz der hohen Bedeutung, die die Lehre im Neuen Testament hat. Dabei denken sie, dass zu viel Wissen den Glauben hindert. Dies ist nicht nur aus biblischer, sondern auch aus geschichtlicher Sicht ein Irrtum. John Wesley, ein großer Erweckungsprediger Englands, war sicher einer der gebildetsten Menschen Englands seiner Zeit. Pastor Louis Harms, der Erwecker der Lüneburger Heide im 19. Jahrhundert, beherrschte 10 Sprachen. Latein sprach er fließend. Man konnte ihm Hebräisch diktieren und er schrieb es Griechisch nieder. Aber in den Predigten sprach er so, dass die einfachen Bauern ihn verstehen konnten. Und am liebsten erzählte er die Geschichten im Pfarrhaus in der Sprache der Leute – Plattdeutsch.

Von hier aus können wir noch einen Schritt weitergehen. Jeder Christ ist nämlich in gewisser Weise auch ein Theologe.

Jeder Christ ein Theologe


Ist Theologie nur etwas für die Profis, die Theologen? Weit gefehlt! Vor der Theologie kann sich keiner drücken, denn im Grunde ist jeder Christ ein Theologe. Egal, was er glaubt und wie er glaubt. Theologie ist biblische Lehre und die daraus abgeleitete Praxis. Wer bekennt: „Jesus ist auferstanden.“, der sagt einen bedeutungsschweren theologischen Satz. Wir glauben an den Jesus der Bibel – oder wir glauben falsch. Die Unterscheidung von richtig und falsch, das ist schon Theologie. Es geht also gar nicht, als Christ kein Theologe zu sein. Man hat nur die Wahl zwischen einer guten und einer schlechten Theologie. Und diese Theologie hat es in der täglichen Routine am meisten mit der Schriftauslegung zu tun.

Der Christ als Bibelausleger


Jedes Mal, wenn der Christ seine Bibel aufschlägt, wird er nicht nur zum Bibelleser, sondern auch zum Bibelausleger. Er liest die Bibel, und er will auch verstehen, was da steht und was das für ihn bedeutet. Das ist Theologie. Ob er nun die Bibel für sich persönlich liest oder ob er sich vorbereitet, eine Andacht oder dergleichen zu halten. Weil die Schriftauslegung eine solch große Bedeutung für das Bibellesen hat, sollen im Folgenden einige Hinweise zur Auslegung der Bibel gegeben werden.

 

Grundlagen der Schriftauslegung

 

Beachte den eigentlichen Sinn. Suche nicht nach verborgenen Bedeutungen oder besonders kunstvollen Erklärungen. Die christliche Kirche hat über lange Zeit ihrer Geschichte einen verborgenen Schriftsinn gelehrt, der nur etwas für die Eingeweihten war, die besonders geistlichen Christen. Die Ausführungen waren oft sehr geistreich, aber leider dadurch keineswegs richtiger. Die einfachste Erklärung ist in der Regel die beste. Denn Gott hat die menschliche Sprache gewählt, um sich uns mitzuteilen und damit wir ihn verstehen. Daher sollten wir Gott beim Wort nehmen und den eigentlichen Sinn einer Schriftstelle beachten. Daher geht es bei Nächstenliebe um Nächstenliebe (3. Mose 19,18) und bei Gottesliebe um Gottesliebe (5. Mose 6,5).


Beachte den eigentlichen Sinn auch in aktuellen Anwendungen. Ich kann heute nicht das Gegenteil von dem tun, was der Text sagt und mich dabei auf die Bibel berufen. Die ursprüngliche Bedeutung einer Schriftstelle ist die bleibende Bedeutung. Wenn Jesus nach Mat. 6,1–18 vor Heuchelei warnt, dann wird es heute nicht besser, wenn Christen den Gottesdienst nutzen, um sich zu präsentieren.

Beachte den Zusammenhang des Textes. Jeder Text – und das gilt auch für die Bibel! – muss in seinem Zusammenhang verstanden werden. Die Zeugen Jehovas sind in einem Sinne ganz bibeltreu, weil sie ihre Lehre mit Bibelversen zusammenbasteln. Nur sind die verwendeten Schriftstellen aus dem Zusammenhang gerissen und sinnfremd in das System eingefügt. So werden aus den anderen Schafen (Joh 10), die Jesus auch noch hat, auf einmal die Menschen, die nicht zu den 144.000 gehören und nicht in den Himmel kommen. Das ist kein richtiger Schriftgebrauch, sondern Schriftmissbrauch. Der Zusammenhang ist die wichtigste Hilfe, um den Sinn einer Schriftstelle zu bestimmen. So sind die ursprünglichen Hörer des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Luk. 15) die anwesenden Pharisäer (Luk. 15,1–2). Sie sollen sich selbst in dem älteren Bruder wiedererkennen und begreifen, dass Jesus gekommen ist, um die Sünder (der jüngere Bruder) zur Umkehr zu rufen. Dass Jesus in drei Gleichnissen nacheinander erzählt, wie man sich über das Gefundene freut, unterstreicht die himmlische Freude über die Sünder, die umkehren umso mehr.

Beachte die Begriffe. Biblische Begriffe bedeuten nicht an jeder Stelle dasselbe. Ein treffendes Beispiel ist der Begriff „Welt“: Johannes schreibt einerseits (Joh. 3,16), dass Gott die Welt geliebt hat (man beachte die Vergangenheitsform! Sie bezieht sich auf die Sendung und den Tod Jesu und besagt natürlich nicht, dass Gott die Welt heute nicht mehr liebt.). Andererseits ruft derselbe Apostel die Christen dazu auf, die „Welt“ nicht zu lieben
(1. Joh. 2,15). Ein Widerspruch? Keinesfalls! Denn der Begriff „Welt“ bezeichnet in den beiden Stellen jeweils etwas Verschiedenes. In Joh. 3,16 sind damit insbesondere die Menschen gemeint, in 1. Joh. 2,15 ist das gefallene und Gott feindliche Wesen gemeint, nach dem wir uns nicht richten sollen. Hier kann ein biblisches Wörterbuch helfen, Fehler zu vermeiden.

Beachte den biblischen Zusammenhang. Jeder Text ist Teil der großen Geschichte Gottes mit den Menschen. Er ist wie ein Puzzleteilchen in einem großen Bild. Man sollte die Teile dort einfügen, wo sie hingehören, sonst entsteht am Ende kein harmonisches Bild. Deshalb müssen die Schriftstellen in den großen biblischen Zusammenhang eingeordnet werden – und zwar passend. Alttestamentliche Texte müssen auch (nicht ausschließlich) im Licht des Neuen Testaments gelesen werden. So zeigt 3. Mose 16 mit den Anordnungen für den großen Versöhnungstag Prinzipien für die Sühne auf, die durch das Opfer Jesu erfüllt werden. Andererseits verstehe ich das Opfer von Jesus besser, wenn ich 3. Mose 16 beachte. Der Heilige Geist war im Alten Testament nicht allen Israeliten, sondern Amtsträgern oder Menschen für bestimmte Aufgaben gegeben. Neutestamentlich hat jeder Christ den Heiligen Geist (Eph. 1,13; Röm. 8,9). Weil wir allein aufgrund des Glaubens an Jesus durch das Opfer Jesu gerettet werden (Röm 3,24f), kann z.B. 1. Tim. 2,12 nicht bedeuten, dass Frauen durch Kinderkriegen in den Himmel kommen. Die Bedeutung des Verses muss also eine andere sein und meint eher den Bereich der Rettung (auch in der Familie selig) als das Mittel dazu (durch Kinder selig).

Dies sind einige wichtige Grundlagen, die für den Umgang mit der Bibel beachtet werden sollten. Theologie ist eine spannende Angelegenheit, weil es darum geht, die Wahrheit Gottes immer besser zu verstehen. Das bleibt eine lebenslange Aufgabe, denn unsere Erkenntnis ist Stückwerk, wie Paulus in 1. Kor. 13 feststellt. Es ist spannend, sich mit diesem „Stückwerk“ zu befassen und immer mehr von Gottes großem Plan zu erkennen und zu verstehen.

Ich möchte jeden Leser ermutigen, sich intensiver mit der Bibel auseinanderzusetzen und die „theologischen Schätze“ auszugraben, die sie enthält. Neben dem privaten Studium, z.B. mit einem Bibelkommentar, bieten sich auch Kurzbibelschulen an, die oft in den Sommermonaten angeboten werden, oder natürlich auch ein Jahr am TSR – es muss ja nicht immer gleich die 4-jährige Vollzeitausbildung sein.

 

Klaus Riebesehl ist Dozent am Theologischen Seminar Rheinland

 

Bild: Sergey Nivens/Fotolia

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