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Digitale Jüngerschaft

 

Johannes Guttenberg revolutionierte mit der Erfindung des Buchdrucks die Welt. Und, während alle Welt in der Zeit der Reformation auf die gedruckten Seiten starrte, veränderte sich nebenbei die Architektur der Kirchen: Bänke wurden in das Kirchenschiff gestellt. Jürgen Schulz erklärt anschaulich, warum die Revolution, und damit auch die Transformation, immer weitergeht. Zum Wohl der Kirche. Und zum Wachstum des Glaubens.

 

Die neue, protestantische Form der Gottesdienste mit einer Schriftauslegung in der Muttersprache verlangte nach neuen Rahmenbedingungen. Wo über Jahrhunderte die Gemeinde stand, standen nun Bänke. Und die Gemeinde nahm Platz. Statt einer lateinischen Messe zu folgen, hörten sie auf eine Predigt in ihrer Muttersprache. Menschen nahmen Platz und hörten einander zu. Ein neuer Gemeinschaftssinn stellte sich ein. Die Nebenwirkungen einer technologischen Revolution transformierte die Kirche tiefgreifend.

 

Ohne Begegnung ist Leben nicht denkbar

Heute, mit der Digitalisierung, durchleben wir eine neue Revolution. Die Gestaltung des Alltags verändert sich in rasender Geschwindigkeit. Die digitalen Werkzeuge machen neue Unterrichtsformen in der Bildung möglich. Dienstreisen werden durch Videokonferenzen ersetzt. Eine neue Welt öffnet sich. Die Gegenüberstellung von digital versus analog ist (längst) hinfällig. Die virtuelle Welt ist Teil der Wirklichkeit. Und seit Beginn der Pandemie nutzen nun auch die Kirchen breitflächig digitale Möglichkeiten. Denn der Glaube will gelebt und gepflegt werden. Dafür braucht es den Kontakt zu der Gemeinde. Dafür müssen Menschen Platz nehmen und einander begegnen. Ohne Begegnungen ist das Leben, auch das Glaubensleben, nicht denkbar. Und so wie Bänke im Kirchenschiff Sinn machen, stellen sich Gemeinden heute die Frage, wie digitale Ressourcen sinnvoll verwendet werden können. Eine Antwort darauf muss gut abgewogen sein, denn unsere Gesellschaft leidet inzwischen spürbar unter den Schattenseiten der Digitalisierung. Was müssen Kirchengemeinden also unbedingt beachten? Für Kirchengemeinden gilt erst einmal, was die Wirtschaft schon lang für sich entdeckt hat: Die Digitalisierung ist ein Werkzeug, dass so eingesetzt werden muss, dass es dem Wesen der Gemeinde entspricht und ihre Identität und Zielsetzung fördert. Das führt unweigerlich zu der Frage: Was macht uns als Christen und Gemeinden aus? Was ist Sinn und Ziel eines christlichen Lebens? Und daraus resultierend, wie können dementsprechend dann auch digitalen Ressourcen angewandt werden? In Zeiten des rasanten Wandels braucht es eine Klarheit über die unverrückbaren Grenzen christlicher Identität. Diese müssen erst einmal benannt und als Rahmen definiert werden. Denn was nicht dem Wesen der Gemeinde entspricht und das Glaubensleben fördert, verschwendet nur wertvolle Zeit und Energie.

 

Die eine, heilige Kirche

Ein guter Orientierungspunkt für das Selbstverständnis der Gemeinde ist das Bekenntnis von Nicäa. 325 nach Christus wird hier allgemein zusammengefasst, was die christliche Überzeugung, ausgehend von Jesus und den Aposteln, gewesen ist. Seit jeher bekennen Christen, dass sie „an die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche“ glauben. Die Kirche ist in ihrem Selbstverständnis also heilig. Sie gehört Gott, kommt von Gott und ist sichtbares Zeichen der Gegenwart Gottes (Eph 2,11-20). Entscheidend ist aber nicht einfach die Institution an sich, sondern die Begründung der Institution im Bekenntnis zu Jesus Christus (Eph 2,1-10). Eine Gemeinde ist nur dort zu finden, wo Menschen tatsächlich an Jesus Christus glauben und eine Gemeinschaft formen, die sich den apostolisch überlieferten Eckpfeilern des Wesens und der Aufgaben der Gemeinde verpflichtet sieht.

Das Wesen einer Gemeinde ist bestimmt a) durch die Ordnungen von Taufe und Abendmahl, b) durch eine Struktur von qualifizierten und eingesetzten Ältesten und Diakonen, c) durch ein Festhalten an dem Glauben, den „Gott ein für alle Mal denen geschenkt hat, die ihm gehören.“ (Judas 3) Ihre Aufgabe ist es, a) Menschen die gute Nachricht von der Errettung durch Jesus Christus zu verkünden – also Evangelisation, b) Christen in ihrem Glaubensleben zu stärken und zu fördern – also Jüngerschaft, c) Gott gemeinsam zu loben und anzubeten – also Gottesdienst. Eine wesentliche Aufgabe der Gemeinde besteht darin, Menschen zu befähigen, ein heiliges Leben zu führen. Das Ziel ist nicht weniger, als Jesus gleich zu werden (Röm 8,29). Wer Christ wird, beginnt eine Reise der Transformation: das Denken, Fühlen, Wünschen und Wollen wird erneuert. Christsein bedeutet, eine grundsätzliche Neuausrichtung des Denkens und Lebens anzunehmen. Dieser Prozess ist langsam, erfordert Geduld und braucht persönliche Begegnungen.

 

Den Raum sinnvoll nutzen

Und genau hier liegt die Krux: Das Selbstverständnis des christlichen Lebens ist nur bedingt kompatibel mit dem Selbstverständnis der Digitalisierung. Das Mantra des Digitalen ist vereinfacht ausgedrückt: Schneller, vielfältiger, individueller. Die Gemeinde hingegen hat die Gemeinschaft im Blick; sie fördert die Vielfalt und fordert zugleich zur Rücksichtnahme auf, um die Einheit nicht zu zerstören (auch auf Kosten der individuellen Freiheit); die Gemeinde ist zielstrebig, überfährt aber nicht den Mitmenschen, sondern ist geduldig. Die digitale Welt ist Teil der Wirklichkeit und gehört damit unweigerlich auch zum Leben der Gemeinde dazu. Kirchen können und sollen sich dieser Entwicklung nicht verschließen. Vielmehr müssen Kirchen Christen dazu befähigen, den digitalen Raum sinnvoll und gut zu nutzen und dies als Teil der Jüngerschaft zu verstehen. Für das Gemeindeleben bedeutet dies zugleich, dass ein christliches Leben den digitalen Raum nutzen, aber nicht nur dort stattfinden kann. Der digitale Raum ist sinnvoll eingesetzt, ein nützliches Werkzeug. Wichtige Informationen können weitergegeben und Wissen vermittelt werden. Menschen, die räumlich nicht anwesend sein können, weil sie im Krankenhaus liegen oder ein Auslandssemester machen, können trotzdem bestehende Beziehungen pflegen. Dabei ist die digitale Welt aber so einnehmend, dass die Gefahr besteht, an keinem Ort mehr ganz zu sein, weil man der digitalen Lüge glaubt, überall gleichzeitig sein zu können. Die größte Freiheit finden wir als Menschen dann, wenn wir die Grenzen unserer Körperlichkeit annehmen. Denn das Leben wird nun mal leibhaftig gelebt. Und nur im Rahmen der Grenzen unserer Leibhaftigkeit können wir das Leben tatsächlich leben. Die digitale Welt kann die Begrenzung und die Bedeutung der Leibhaftigkeit nicht überwinden.

 

Die leibhaftige Präsenz gehört vielmehr zum Selbstverständnis der Gemeinde dazu. Nur in den Grenzen der Leibhaftigkeit finden wir das Leben. Als Jesus geboren wurde, nahm er die Grenzen des Menschseins an. Als er auferstand, ließ er sich berühren und als er das Abendmahl einsetze, sagte er: „Das ist mein Leib.“ (Mt 26,26) Und wenn wir als Gemeinde heute das Abendmahl feiern, essen wir alle „von einem Laib Brot und zeigen damit, dass wir alle zusammen ein Leib sind.“ (1Kor 17,17) Manche Bereiche des Lebens lasse sich eben nicht digitalisieren. Das hat entscheidende Auswirkungen auf eine digitale Jüngerschaft. Die Stärke des digitalen Raums ist die schier grenzenlose Weitergabe von Informationen. Zur Jüngerschaft gehört der Wissensaustausch unbedingt dazu. Aber Jüngerschaft ist eben nicht nur Informationsaustausch. Es geht um die Gestaltung des Lebens. Es geht um Empathie, sich auf den Mitmenschen einlassen zu können. Mit denen zu trauern, die trauern und mit denen zu lachen, die sich freuen (Röm 12,15). Digital kann ich Trauernde nicht in den Arm nehmen, ihnen kein Taschentuch reichen und ihnen auch kein Essen bereiten. Ich kann Pärchen digital Wissen über die Ehe vermitteln, aber die gesamte Gestik und Mimik beschränkt sich auf den Bildschirm. In der Kommunikation und Seelsorge geht somit ungemein viel verloren. Die Körpersprache kann Nähe oder Distanz ausdrücken. All das gehört zur Wirklichkeit dazu und geht digital verloren.

 

Es ist leicht, uns digital selbst zu hintergehen. Wird die Welt wieder auf eine Scheibe reduziert, verlieren wir so die Details aus den Augen, die notwendig sind, um die Wirklichkeit zu verstehen. Digital hängen wir alle, wie es die Soziologin Sherry Turkle in ihrem Buch „Verloren unter 100 Freunden“ so schön ausdrückt, „an der virtuellen Nabelschnur.“ Wir bilden uns ein, tausende Freunde zu haben und sind dennoch einsam. Digital wird uns suggeriert, unter Freunden – oder Teil einer Gemeinde zu sein – „ohne die Anforderungen einer Freundschaft erfüllen zu müssen.“ Mehr noch, es ist unmöglich sich einander digital in die Augen zu schauen. Dabei wissen wir durch die Neurobiologie, dass durch Augenkontakt das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Eine fehlende Präsenz führt mit der Zeit unweigerlich zu geschwächten Beziehungen. Freundschaften und Beziehungen gibt es also primär physisch, oder gar nicht.

 

Wenn es sie aber physisch gibt, kann der digitale Raum ein gutes Werkzeug sein und sogar die Sehnsucht nach neuen, physischen Begegnungen fördern. Auf Dienstreisen genieße ich die Vorteile der digitalen Welt sehr. Selbst über Kontinente hinweg bin ich mit meiner Familie verbunden. Ich kann jeder Zeit mit ihnen sprechen. Sie sehen. Wir können gemeinsam lachen und uns miteinander freuen. Es sind aber gerade diese Momente, in denen die Sehnsucht nach einer leibhaften Begegnung am stärksten durchbricht. Digitale Jüngerschaft, und allgemeiner: digitales Gemeindeleben, kann also nur in hybrider Form gelebt werden. Wird es rein im virtuellen Raum verortet, wird das Selbstverständnis der Gemeinde ignoriert. Das Selbstverständnis der Gemeinde schafft damit auch Rahmenbedingungen, die unbedingt bedacht werden müssen:

 

a)       Ein konstitutives Element jeder Gemeinde ist die Leibhaftigkeit. Das Selbstverständnis der Gemeinde ist die physische Co-Präsenz. Elementare Dinge wie die gemeinsame Feier des Abendmahls können nicht digitalisiert werden. In der Jüngerschaft ist das ganze Leben im Blick. Dazu gehört wiederum, dass es von physischen Begegnungen ausgehend auch digitale Möglichkeiten integriert.

 

b)      Durch die Gemeinde entstehen neuen Beziehungen: digital und physisch. Beides ist Teil der Wirklichkeit. Beziehungen können digital gepflegt und auch vertieft werden. Die psychische Co-Präsenz ist ein zwingend notwendiger Teil der Gemeinde. Aus diesem Grund muss Gemeinde darauf achten, dass ein gesundes Grundverständnis über das Verhältnis von digital und physisch gegeben ist. Als Gemeinde bilden wird eine Gemeinschaft, pflegen Beziehungen miteinander und teilen das Leben. Dabei schauen wir uns in die Augen. Bei einem guten Essen freuen und lachen wir zusammen. Und in den Schattenmomenten des Lebens weinen wir zusammen und trösten einander. So aufmerksam eine digitale Nachricht auch ist, in diesen Momenten ersetzt nichts die leibhaftige Gegenwart.

 

c)       Digitale Möglichkeiten eröffnen neue Welten für das Gemeindeleben. Neue Kontakte entstehen, weil zuerst virtuell Kontakte geknüpft wurden. Menschen hören von Jesus Christus, weil sie online Kontakt mit Christen haben. Der Glaube wird vertieft, weil es gute digitale Ressourcen über den christlichen Glauben gibt (Podcasts, Glaubenskurse, ...). In der Jüngerschaft ermutigen und befähigen Gemeinden also Christen ihren Glauben auch digital zu leben und zu bekennen. Digitale Möglichkeiten bereichern unser Leben, haben uns aber nicht zu besseren Menschen gemacht. Auch unser digitales Leben und Verhalten muss durch den Glauben verändert werden. Wir gestalten diesen Bereich als erlöste Menschen – bewusst und kontrolliert.

 

d)      Gemeinden investieren sinnvoll und gezielt in die digitale Präsenz. Die Digitalisierung eröffnet Gemeinden neue Möglichkeiten ihre Aufgaben wahrzunehmen. Die Kosten und der Aufwand, die hinter einer guten digitalen Präsenz stehen, werden in der Regel unterschätzt. Hier müssen finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt und ggfs. Fachleute zurate gezogen werden. Für viele in der Gemeinde gehört die digitale Welt aber schon so sehr zum Alltag, dass technikaffine Jugendliche und junge Erwachsene zu wertvollen und wichtigen Mitarbeitern werden können.

 

e)      Im Gebäudemanagement muss das Digitale unbedingt mit eingeplant werden. Konferenzräume in Gemeinden müssen auch für digitale Konferenzen ausrüstet sein. Eine gute technische Grundausstattung ist Voraussetzung für eine gelingende digitale Jüngerschaft.

 

f)        Bei der Nutzung der digitalen Möglichkeiten müssen aber auch die Schattenseiten der Technik bedacht werden. Als Christen widersetzen wir uns dem digitalen Mantra „schneller, vielfältiger, individueller.“ Die Algorithmen und Werbung mancher Social Media Seiten sind so penetrant, dass es nur darum gehen kann, sie zu meiden. Wer seinen digitalen Content via YouTube streamt, wird mit der Zeit verlieren. Die parallel geschaltete Werbung und die Autoplay Funktion am Ende eines jeden Videos macht es nahezu unmöglich, dass die Aufmerksamkeit der digitalen Besucher auf dem Beitrag und Inhalt der Gemeinde bleibt. Werbefreie Alternativen bieten kostenpflichtige Anbieter wie vimeo. Wie gesagt, wer die digitale Präsenz sinnvoll gestalten möchte, muss dafür auch finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen.

 

g)       Digitale Jüngerschaft ist interaktiv. Dabei geht es nicht so sehr um die interaktiven Möglichkeiten einer App, sondern um die aktive Integration der digitalen Besucher. Die virtuelle Welt gewöhnt uns im höchsten Maße eine Konsumentenmentalität an. In der Gemeinde gestalten wir das Leben aber miteinander. Wenn die Lebensumstände also nur eine digitale Teilnahme möglich machen, braucht es einen Weg, um aus der Konsumentenrolle auszubrechen. Das kann geschehen durch:

 

  • Bewusstes Vorbereiten: Der Stream des Gottesdienstes wird nicht im Halbschlaf im Bett verfolgt. Rechtzeitiges Aufstehen und die übliche Morgenroutine müssen sein.
  • Gezielte Kontaktpflege: Wenn ich physisch nicht anwesend sein kann, suche ich aber dennoch proaktiv den Kontakt zu anderen in der Gemeinde (z.B. bietet Zoom hier mit den Breakout-Sessions gute Möglichkeiten, um auch im digitalen Raum private Gespräche führen zu können)
  • Chatfunktion und Moderation: Wenn eine Gemeinde die personellen Möglichkeiten hat, können Fragen und Impulse im Chat zu einem konstruktiven Austausch beitragen.
  • Telefonieren: Was schon fast altmodisch klingt, sollte wieder neu entdeckt werden. Die Kommunikation via Textnachrichten ist trügerisch, denn es fehlt die Mimik und Gestik und die so wichtige Möglichkeit, Rückfragen zu stellen. Werden all diese Fragen via Textnachrichten geklärt und wird mit einer Vielzahl an Empfängern gleichzeitig geschrieben, kommen im Laufe des Tages Hunderte Nachrichten zusammen. Die mentale Belastung ist enorm und die Kommunikation kann nur oberflächlich bleiben. Wie guttuend demgegenüber schon ein kurzes Gespräch zwischen zwei und fünf Minuten für eine Beziehung ist.

 

Für Christen bleibt Veränderung der Lebensmodus. Jüngerschaft bedeutet gezielt daraufhin zu wirken, in das Bild von Jesus verwandelt zu werden. Das berührt alle Lebensbereiche und schließt alle Aspekte der Wirklichkeit mit ein. Mit dem digitalen Raum haben wir ein Werkzeug mehr, um Beziehungen zu pflegen und den Glauben zu vertiefen. Es ist ein Werkzeug, dass uns entweder in eine intensivere, auch physische Beziehung mit unseren Mitmenschen bringt oder wird vereinsamen gänzlich. Jüngerschaft digital gelebt wird da gelingen, wo die Grenzen des Digitalen angenommen werden und sich Menschen wieder bewusst in die Augen schauen.

 

Jürgen Schulz, verheiratet mit Lydia und Vater von vier Kindern, ist Pastor einer Gemeindegründung (paderkirche.de) und Gastdozent am TSR, Doktorand im AT und im Podcast duolog.de mit Karl im Gespräch über Glaube und Gesellschaft.