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Was kommt, wenn man gehen muss?

 

Dieser Frage auszuweichen, wäre töricht und naiv, meint Wolfgang Roth, laut FOCUS-Spezial ausgewiesener Top-Anwalt für Erbrecht, und würde etwaige Probleme mit der Antwortfindung nur auf die übertragen, die erst mal noch hierbleiben. Zwar sang Trude Herr „niemals geht man so ganz“. Wer sich das aber zur Prämisse seines Lebens und deshalb kein Testament macht, könnte am Ende viel Unruhe und Streit hinterlassen.

 

Kein Rechtsbereich ist so konfliktbehaftet und konfliktträchtig wie das Erbrecht. Hintergrund ist, dass eine der großen „Katastrophen des Lebens“ eintreten wird, neben Arbeitslosigkeit und Scheidung, nämlich der Tod. Darum ist die vorausschauende Regelung des Nachlasses dringend notwendig. Über den eigenen Tod nachzudenken oder darüber zu sprechen, gilt immer noch als gesellschaftliches Tabu. Vermeidet man diese Thematik, treten jedoch nachteilige Konsequenzen auf, die viel problematischer sind, als unbequeme Gespräche darüber im Vorfeld zu führen. Die Nachfolge nach dem Tod eines Menschen greift zwangsläufig in familiäre Situationen, betriebliche Strukturen und nicht zuletzt in psychologische Gegebenheiten der Erben und deren Angeheirateten ein.

Letztlich bedeutet Vererben, die letzte selbst zu gestaltende Verantwortung auszuüben. Das zeigt sich am Spruch „Am Streit der Erben ist der Erblasser schuld“ besonders plastisch, denn hätte der Verstorbene seine Verantwortung ausgeübt und eine vernünftige Nachfolge geregelt, gäbe es später zwischen den Nachkommen nichts zu streiten und der Familienfrieden wäre gesichert gewesen. Bei der Erstellung eines Testaments ist aus Sicht desjenigen, der sein Testament errichtet, immer dessen Motivation und seine mögliche Konfliktsituation, in der er / sie sich vielleicht befindet, zu beachten: entscheidend ist also, zu klären, was er / sie mit dem Testament erreichen möchte: das können ganz verschiedene Ansatzpunkte sein, die in diesem Artikel beleuchtet werden sollen.


a) Gerechtigkeit und Ausgleich durch das Testament schaffen
Viele wollen mit ihrem Testament Gerechtigkeit und einen Ausgleich innerhalb der Familie, insbesondere den Kindern darstellen, weil das zu Lebzeiten versäumt wurde. So hat oftmals eines von mehreren Kindern schon zu Lebzeiten etwas erhalten (z. B. die Tochter den Bauplatz), was über ein Testament zu Gunsten des Sohnes aufgefangen werden soll.

Was aber „gerecht“ ist, kann man von verschiedenen Blickwinkeln her betrachten:
Für den Erblasser ist gerecht, dass jeder gleich viel erhält.
Für den Empfänger hingegen kann Gerechtigkeit etwas ganz anderes sein: so kann es in dem o. g. Fall z. B. für die Tochter durchaus „gerecht“ sein, dass sie aufgrund schlechter wirtschaftlicher Lage den Bauplatz erhielt, während ihr Bruder von den Eltern das Studium finanziert bekam und dadurch nun sehr gut situiert ist.


Wird über ein solches Testament z. B. der Sohn nach dem letzten Elternteil wirtschaftlich genauso behandelt wie die Tochter, die den Bauplatz erhielt, sinkt die Hemmschwelle zum Streit für die Tochter erheblich herab; mag noch zu Lebzeiten beider oder eines Elternteils der familiäre Kontakt vorhanden gewesen sein, fällt dieser „Eltern-Bindungspuffer“ mit dem Tod des letzten Elternteiles für die Geschwister weg: die Eltern verbinden die Kinder miteinander; sind sie verstorben, ist dieser „familiäre Klebstoff“ weg und die Hemmschwelle, gegen das eigene Geschwisterteil vorzugehen oder das Testament anzufechten, fällt oft weg.
Selbstverständlich kann die testamentarische Bevorzugung eines Kindes zumindest gewisse Ausgleichsfunktionen haben, eine totale wirtschaftliche Gleichstellung gibt es aber in der Praxis gar nicht.


b) Der Versorgungsgedanke in der Nachfolgeplanung
Gerade mit einem werthaltigen, hohen Nachlass gilt es i. d. Regel, die nächste und evtl. sogar übernächste Generation zu versorgen. Vor allem bei Vorhandensein behinderter oder überschuldeter Kinder oder Erben, spielt dies die gravierendste Rolle: es gilt, einerseits bei behinderten Kindern neben deren lebenslanger Versorgung mit dem Nachlass auch den Sozialhilferegress des Staates in Bezug auf die Erbschaft zu vermeiden; dasselbe Prinzip steht hinter überschuldeten erbrechtlich Bedachten, bei denen Gläubiger den Nachlass, Pflichtteilsansprüche usw. wegpfänden könnten. Hierfür gibt es besondere Testamentsformen, die solche Versorgungen sicherstellen können.

Deswegen darf niemals ein einmal errichtetes Testament in der Schublade liegen gelassen werden, sondern sollte spätestens alle 3-5 Jahre auf Aktualität und Anpassungsbedarf überprüft werden. Es gibt nichts Schlimmeres als ein Jahrzehntealtes Testament, das zur finanziellen, familiären und rechtlichen Situation des Erblassers im Todesfall nicht mehr passt!


c) Der Machtgedanke im Testament
Wer kennt das nicht: Der „Familienpatriarch“ will quasi ein letztes Mal durch sein Testament zeigen, wie alles künftig gemacht werden muss, selbst wenn er nicht mehr da ist; ein „Loslassen“ ist ihm unmöglich, da er meint, noch nach seinem Tod über seine Testamentsgestaltung die Zügel in der Hand halten zu müssen. Durch solche Testamente wird nicht selten Streit sogar vorsätzlich verursacht.

Solche Testamentserrichter knebeln nicht selten ihre Nachkommen, die dann evtl. weder mit der Erbschaft noch mit einzelnen Nachlassobjekten selbst etwas anfangen können oder über Jahrzehnte hinweg in Erbengemeinschaften verbunden bleiben müssen, was zwangsläufig zu Streit führt.

Hier ist das „Generationengespräch“, dass sich die Familie an einen Tisch setzt und die Nachfolge offen diskutiert, der sinnvollste Weg. Aber nein: Aus Sicht des „Machthabers“ geht seine Entscheidung ja keinen etwas an, und außerdem kann er so unter Umständen die Kinder sogar gegeneinander ausspielen („Wer spurt, kriegt die Firma“). Mangelnde Kommunikation ist immer kontraproduktiv!

Unter dem Aspekt der „Machtausübung“ bei einer Testamentsgestaltung spielen auch die Schlagworte „Erniedrigung“ und „Rache“ eine erhebliche Rolle. Dasjenige Familienmitglied, das durch ein „Machttestament“ zurückgesetzt wird, fühlt sich zu recht erniedrigt. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass diese im Testament offenbar werdende Erniedrigung immer Gründe hat, die schon zu Lebzeiten geschwelt haben müssen, jedoch dieser Konflikt weder kommuniziert, geschweige denn zu Lebzeiten aufgelöst worden ist. „Machttestamente“ sind in der Praxis die schlechtesten.


d) Erziehung durch Testament
Nicht Wenige wollen mit ihrem Testament ihren Kindern einen letzten „Erziehungsschub“ mitgeben. Aber was zu Lebzeiten im Rahmen der Erziehung nicht oder nur schlecht geleistet wurde, kann sicher nicht durch ein Testament gerettet werden. Der „Erziehende“ ist für den „Erziehungsempfänger“ (das Kind) ja gar nicht mehr vorhanden, denn er ist ja tot. Der „zu Erziehende“ wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihm wird die Möglichkeit genommen, Sinn und Zweck dieser Maßnahmen zu ergründen, da der „Erziehende“ ja tot ist. Erziehung durch bloßes Schaffen von Fakten per Testament ist genauso sinnlos wie streitbegründend. Im Rahmen der Erziehung spielt manchmal auch der Gedanke der „Bestrafung“ für ein lebzeitiges Fehlverhalten des Bedachten eine Rolle. Eine solche Bestrafung kann dann nur noch dadurch ausgeübt werden, dass ein wirtschaftliches Schlechterstellen dieses Erben per Testament erfolgt. Da jede Strafe eine Reaktion, wenn nicht sogar eine Trotzreaktion hervorruft, verursachen diese Testamentsmotive mit den größten Streit bei den Hinterbliebenen.

 

 

Die 11 größten Fehler beim Vererben, die zu Streit und Auseinandersetzungen führen können:


1. Nichts tun = Das Verschieben der Erbregelung
Sie sind eher tot, als dies erledigt zu haben. Dann bleibt nur die gesetzliche Erbfolge, und sie ist meist die schlechteste

2. Vererben als letzte Erziehungsmaßnahme
Was Sie in der Kindheit Ihrer Erben nicht geleistet haben, kann durch Ihr Testament schon gar nicht mehr korrigiert werden

3. Vertrauen auf Einigkeit der Erben
Die Praxis lehrt das Gegenteil

4. Konflikte über das Erbe lösen wollen
Ein Konflikt braucht Aussprache und Versöhnung, keine vollendeten Tatsachen in einem Testament

5. Spontane Testamentsänderungen
Richten Sie nicht Ihr Fähnchen nach dem Wind, sondern vererben Sie gut überlegt

6. Das Erbe nur steueroptimiert regeln
Vererben heißt Verantwortung übernehmen und gestalten; Steuern sparen ist eine, aber nicht die alleinige Leitlinie

7. Mehrfaches Erbversprechen
Ködern sie keine Gefälligkeiten durch Erbversprechen 

8. Vermeiden einer Beratung = Betrachten des Vererbens als Familienangelegenheit
Ein „Kleinhalten“ Ihres Testaments ist falsch, denn spätestens Ihre Erben müssen damit leben

9. Den Erbkonflikt für unausweichlich halten
Jeder Konflikt ist lösbar

10. Langjährige Testamentsvollstreckung oder Veräußerungsverbote
Lassen Sie los, wenn Sie verstorben sind

 

 

Vita
Rechtsanwalt Wolfgang Roth aus Obrigheim, ist bereits seit Mai 2005 Fachanwalt für Erbrecht und zertifizierter Testamentsvollstrecker (DVEV). Er ist ausschließlich im Erb- und Erbschaftsteuerrecht tätig. Er wurde bereits 2003 als „Spezialist im Erbrecht“ ausgewiesen und seit 2014 listet ihn „FOCUS-Spezial“ als einen der 75 TOP-Erbrechtsanwälte Deutschlands. Bundesweit vertritt, gestaltet und berät er in allen erb- und erbschaftsteuerlichen Bereichen.

Kontakt zur erbrechtlichen Wissenschaft, Lehre und Rechtsprechung besteht über seine Tätigkeiten als Dozent an der Hagen Law School, als Autor vieler juristischer Fachbücher sowie als Lehrbeauftragter der Dualen Hochschule Baden – Württemberg (Campus Mosbach). RA Roth bespricht und veröffentlicht im 2-Wochenrhythmus in der Fachzeitschrift „NJW-Spezial“ die jeweils aktuellen Entscheidungen der bundesdeutschen Obergerichte zu erbrechtlichen Sachverhalten.

Er hält bundesweit jährlich ca. 50 – 80 Vorträge zu erbrechtlichen Themen, auch für karitative Einrichtungen, wie z. B. UNICEF Deutschland, die Christoffel-Blindenmission Deutschland e.V., den WWF Deutschland u.a.

www.erbrechtsexperte.de